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Ein Kommentar zur Eröffnung der Angertalbrücke im Gasteinertal

26.04.2016 13:29 von Markus Pointinger

"Es ging nie um eine leisere Brücke..."

Belastungsprobe der Angertalbrücke mit vier Lokomotiven am 30.08.1905, Foto Franz Fuchs, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Franz Hochwarter aus dem Fotoband 100 Jahre Tauernbahn

Die neue Angertalbrücke ist in Betrieb und sie ist leiser als die alte Stahlbrücke aus dem Jahr 1905. Dies ist aber nur ein vergleichbar unbedeutender Teil jener Geschichte, um die es in den jahrelangen Auseinandersetzungen um einen Bahn-Lärmschutz im gesamten Gasteinertal ging. Immerhin benötigte es drei versagende VwGH-Urteile samt aufschiebender Wirkung wegen nachgewiesener gesundheitsgefährdender Lärmauswirkungen, ehe letztendlich im Jahr 2015 die bereits gebaute Brücke doch nachträglich bewilligt wurde und alle Betroffenen ihre Einsprüche zurückzogen.

Den Medien, welche die Lärmproblematik im Gasteinertal bereits seit fast 20 Jahren verfolgen, heute aber nur verkürzte Inhalte aus Pressemeldungen wiedergeben, sei  jedenfalls noch einmal erinnernd ans Herz gelegt, dass es in den Verfahren niemals um eine „leisere Brücke“ ging, wie es die aktuelle Berichterstattung formuliert: die alte Brücke war ein Verkehrshindernis, ein Nadelöhr. Im Altbestand fuhren dort 50-60 Züge in 24 Stunden, davon 25-30 laute Güterzüge in der Nacht. Die ÖBB-Prognosen weisen zukünftig mehr als 200 Züge in 24 Stunden aus, davon rund 80, insbesondere laute Güterzüge, in der Nacht. Diese Züge fahren nicht nur auf der Brücke, sondern auch davor und danach durch das ganze Gasteinertal. Die Folgen: Verdoppelung des Lärms, vor allem in der Nacht, höhere gesundheitsgefährdende Schall-Spitzenpegel und vermehrte nächtliche Aufwachereignisse von Bürgern wie Touristen. Das alles in der Kurregion Gasteinertal, die gesetzlich von besonders niedrigen Schallpegeln profitieren soll, die aber tatsächlich niemals eingehalten werden können, wenn die Bahn nicht in den Berg verlegt wird.

Trotz vertraglicher Vereinbarungen zwischen BMVIT, Gemeinden und Bürgerinitiativen am Ende eines dreijährigen Mediationsverfahrens werden heute überall anders Bahntunnels gewollt und gebaut, nur nicht in Salzburg. So blieb am Ende nur die schlechteste aller Lösungen übrig: meterhohe Lärmschutzwände, die zwar direkte Anrainer vor gesundheitsgefährdenden Spitzenschallpegeln schützen, nicht aber das Gasteinertal vor Lärm jenseits der Kurorte-Grenzwerte. Der Gesundheitsschutz hat so den allgemeinen Lärmschutz ausgestochen: die ÖBB setzten für die Errichtung von Lärmschutzwänden die Zurückziehung aller Einsprüche voraus. 

Auf das Gasteinertal rollt eine Welle der Lärmbelastung zu. Insbesondere bei Schließungen der Strecken Brenner, Selzthal oder Pyhrn. Die ÖBB haben die Tauernbahnstrecke in den letzten Jahren an vielen Stellen saniert, modernisiert und durchlässiger gemacht und die Tauernachse auf die kommenden Belastungen vorbereitet. Ob die neuen Lärmschutzwände der besonderen Schallausbreitung im Gebirgstal und den Grenzwerten standhalten, wird beobachtet werden. Lärmmäßig befriedet ist die Tourismus- und Kurregion Gasteinertal damit jedenfalls allemal nicht.

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